Immer auf Sendung

TwitchFarming

Ackerbauer Jan Bartel ist bei seiner Arbeit selten allein. Denn über den Streaming-Kanal Twitch schauen ihm immer mehr Menschen beim Traktorfahren zu – und wollen sogar schon Autogramme von ihm.

Immer auf Sendung

TwitchFarming

Ackerbauer Jan Bartel ist bei seiner Arbeit selten allein. Denn über den Streaming-Kanal Twitch schauen ihm immer mehr Menschen beim Traktorfahren zu – und wollen sogar schon Autogramme von ihm.

Frage: Was glauben Sie, wie viele Leute würden Ihnen freiwillig stundenlang beim Grubbern,...

...Säen oder Ernten über die Schultern schauen und sie dafür sogar finanziell unterstützen?

Jan Bartel kennt die Zahl. Denn er macht genau das. Er nimmt Internetnutzer per Web-Cam mit auf seinen Traktor oder Mähdrescher und beantwortet beim Ackern und Ernten Fragen, die ihm seine Zuschauer per Chat stellen können.

„Bei besonders interessanten Einsätzen wie der Getreideernte mit unserem neuen LEXION 8700 schauen über den Tag verteilt schon mal 60.000 Leute zu“, freut sich Bartel. Sein Rekord an Zuschauern, die gleichzeitig live dabei waren, liegt bei 4.700. Aber auch bei gewöhnlichen Feldarbeiten wie Grubbern kommt er an Werktagen regelmäßig auf bis zu 1.000 Nutzer. 

Jan Bartel führt mit seinen Eltern und zwei Mitarbeitern einen 950-ha-Ackerbaubetrieb in Brieselang im Havelland, nordöstlich von Berlin. Eigentlich ist er gelernter Koch. Doch nach der Ausbildung zog es den heute 30-Jährigen in die Landwirtschaft, weshalb er eine entsprechende Ausbildung anschloss.


Jan Bartel und sein AXION sind immer auf Sendung. Viele Menschen schauen ihm live beim Arbeiten zu.

Ganz vorn dabei

Letztlich war es die Langeweile beim stundenlangen Ackern auf den großen Flächen des Betriebs, die ihn auf die Idee brachten, es einmal auf Twitch zu versuchen. Twitch ist ein Live-Streaming-Kanal für Videos. Hier sind vor allem Online-Videospieler aktiv, sogenannte Gamer, die ihre Spiele vor einer festen Fangemeinde austragen. Doch inzwischen tummeln sich auf dem Kanal auch Lkw-Fahrer, Bäcker und Menschen aus anderen Berufen, denen man bei der Arbeit zuschauen kann.

Jan Bartel startete mit seinem Kanal im Juli 2019, als einer von zwei Landwirten bundesweit. Inzwischen weiß er von drei weiteren Kollegen, dass sie Twitch nutzen. „Der Start war allerdings etwas holprig“, blickt der Brandenburger zurück. „Bei meinem ersten Stream waren genau 0,8 Zuschauer dabei. Und das war ein Kumpel von mir, wie ich später erfahren habe.“

Doch er machte einfach weiter und wurde mit langsam steigenden Nutzerzahlen belohnt. Der eigentliche Durchbruch kam aber erst, als die große Szene der landwirtschaftlichen Simulationsspieler auf ihn aufmerksam wurde und seinen Kanal weiterempfahl. Bartel: „Es gibt unheimlich viele Leute, die gerne am Bildschirm Traktor oder Mähdrescher fahren. Diese Gamer bauen teilweise sogar die Kabine nach und fragen mich, wo man den CLAAS Multifunktionsgriff herbekommt.“

Ohne Kamera läuft nix

Heute gehören zwei Kameras an der Heckscheibe und ein Tablet zum Lesen der Chat-Fragen zum festen Inventar auf seinem AXION 870. „Mittlerweile bin ich eigentlich immer

online, wenn ich auf dem Acker arbeite“, erzählt Bartel. Und das können an langen Erntetagen auch mal bis zu 14 Stunden sein, in denen der Landwirt geduldig alle Fragen beantwortet. Das viele Reden macht ihm nichts aus, im Gegenteil: Es ist für ihn eine willkommene Ablenkung. „Sonst würde ich eh nur telefonieren oder YouTube-Videos gucken“, sagt Bartel.

Wie alt bist du? Warum fährst du diese Traktormarke? Warum kannst du das Lenkrad während der Fahrt loslassen? Diese Mischung aus persönlichen und fachlichen Fragen kennt er nach über einem Jahr Livestream gut. Und dennoch ist es ihm wichtig, jede Frage zu beantworten, auch wenn das wegen der steigenden Nutzerzahlen immer schwieriger wird.

Aber wer nimmt sich eigentlich die Zeit, anderen am Bildschirm beim Traktorfahren zuzuschauen? „Zu 94 Prozent sind das Männer“, erzählt Jan Bartel. „Der größte Teil stammt aus der landwirtschaftlichen Simulator-Szene.“ Zu seiner Überraschung sind aber auch viele Leute aus dem IT-Bereich dabei. Viele Programmierer schauen ihm neben ihrer Arbeit auf einem zweiten Bildschirm zu.

Weltweit on air

Aber auch im Ausland ist man schon auf ihn aufmerksam geworden. Jeder fünfte Nutzer stammt aus einem europäischen Land außerhalb Deutschlands, aus Australien oder den USA. Sogar aus Südkorea war schon jemand dabei. „Ich versuche dann, auch deren Fragen auf Englisch zu beantworten. Aber von meinen deutschen Zuschauern bekomme ich dann gleich Sprüche, dass mein Englisch nicht „the yellow of the egg“ sei“, erzählt Bartel und lacht.

Für ihn ist Twitch-Farming nach wie vor ein Spaßprojekt, obwohl er mit seinen Video-Aktivitäten inzwischen auch etwas Geld verdient. Denn im Schnitt kommt er auf etwa 1.000 Abonnenten, die ihn für seinen Aufwand mit einem kleinen Beitrag unterstützen. Zusätzlich erhält er häufiger Werbeanfragen von Firmen. „Aber das mache ich nur selten. Und wenn, sind das nur Sachen, hinter denen ich auch stehen kann.“

Auf Wunsch seiner Zuschauer hat er einen Shop eingerichtet, in dem es T-Shirts und Tassen mit seinem Logo zu kaufen gibt. In der Region wird er inzwischen sogar beim Einkaufen erkannt. „Das ist wirklich irre“, meint Bartel. „Vor kurzem wollte sogar jemand ein Autogramm für seinen Sohn haben.“

Doch von diesem Starkult will er gar nicht viel wissen, da für ihn der Spaß am Austausch mit seinen Zuschauern im Vordergrund steht. Außerdem ist er sich darüber im Klaren, dass Trends im Internet kurzlebig sind. „Wenn die ganze Sache morgen vorbei wäre, hätte ich kein Problem damit. Schließlich habe ich ja auch die Landwirtschaft und meine Familie. Und letztlich ist mir beides wesentlich wichtiger.“


Kontakt: johann.gerdes@claas.com