"Mich könnte man noch in den Melkstand schicken."

Ulrich Nickol im Interview

Seit dem 01. April 2020 ist Urlich Nickol bei CLAAS in Bad Saulgau Leiter der Futtererntesparte und übernimmt damit die Verantwortung für Futtererntemaschinen, Pressen und Gutfluss von Häcksler und Ladwagen.

"Mich könnte man noch in den Melkstand schicken."

Ulrich Nickol im Interview

Seit dem 01. April 2020 ist Urlich Nickol bei CLAAS in Bad Saulgau Leiter der Futtererntesparte und übernimmt damit die Verantwortung für Futtererntemaschinen, Pressen und Gutfluss von Häcksler und Ladwagen.

„Mich könnte man noch in den Melkstand schicken.“

Trends: Herr Nickol, Sie haben ja eine interessante Laufbahn hinter sich. Vielleicht wollen Sie ihren Werdegang für unsere Leser kurz zusammenfassen.

Ulrich Nickol: Meine Begeisterung für die Landwirtschaft hatte ich eigentlich schon als Jugendlicher, somit war für mich klar, eine Ausbildung in der Landwirtschaft zu absolvieren. Danach kam das Agrarstudium mit einer Diplomarbeit über die Umstrukturierung einer LPG in Sachsen. Nach dessen Beendigung begann meine Laufbahn bei Claas. Hier habe ich verschiedenste Positionen in Produktmanagement und Marketing/Vertrieb in Bad Saulgau und Metz durchlaufen. Von 2016 bis zu meinem Antritt hier als Geschäftsführer war ich für vier Jahre bei AGCO und dort für die Futterernte und die Integration der Pressen, Wickelgeräte und Ladewagen von Lely verantwortlich. Seit April bin ich jetzt mit vielen neuen Erfahrungen zurück in Bad Saulgau.

Trends: Was würden Sie sagen: Welche Erfahrungen aus Ihrer Laufbahn nutzen Ihnen in der heutigen Position?

Ulrich Nickol: Ich würde sagen, ich bin nicht der klassische Betriebswirt. Ich kenne aber die Sicht des Kunden. Natürlich muss am Ende der Deckungsbeitrag stimmen. Meine Philosophie lautet, dass man mit einem guten Produkt und einer hohen Kundenzufriedenheit langfristige gute Deckungsbeiträge erwirtschaftet.

CLAAS ist technologiegetrieben. Wir haben den Anspruch, mit innovativen Produkten Herausforderungen unserer Kunden zu lösen und in allen Segmenten eine führende Marktposition zu erreichen.

Bei CLAAS schaut man auf die Kette. Die Arbeitsgänge müssen optimal aufeinander abgestimmt sein.

Trends: Gibt es da Unterschiede in der Unternehmenskultur?

Ulrich Nickol: Bei uns teilen alle die Leidenschaft zur Technik – inklusive der Eigentümer. Die Technik steht immer im Vordergrund. Das ist etwas, was ich so in meinem Berufsleben nie wieder erlebt habe. Aus meiner Sicht macht das den Hersteller CLAAS aus.

Trends: Aus Ihrer Sicht – warum sind gerade Sie der richtige Mann an Ihrer Position?

Ulrich Nickol: Wirklich eine gute Frage – warum bin ich hier (lacht). Da muss ich kurz überlegen.

Seit meinem ersten Tag in der Landwirtschaft galt meine Leidenschaft der Milchproduktion und dem Futterbau. Ich hatte die Möglichkeit, je ein Jahr auf einem Schwarzbunt-, Fleckvieh- und Braunviehbetrieb zu arbeiten. Damit verbunden konnte ich viel Erfahrung zur Futterernte gewinnen, was mir heute sehr bei der Bewertung von Projekten und deren Kundennutzen hilft.

Mich könnte man auch heute noch im Melkstand antreffen. Damit will ich sagen, ich bin mit diesen Themen aufgewachsen.

Neben den Futtererntemaschinen, den Ladewagen und dem Gutfluss des JAGUAR in Bad Saulgau gehören auch die Pressen im französischen Standort bei Metz zu meinem Verantwortungsbereich. Und ich fahre wirklich gern wieder nach Metz. Das lag in früheren Zeiten bereits in meinem Aufgabenbereich und die Zusammenarbeit mit den französischen CLAAS Kollegen lief sehr gut. Darum würde ich sagen, bin ich hier nicht ganz fehl am Platz.

Neu ist für mich das Geschäft mit den Rad- und Teleskopladern. Da konnten wir in den letzten Monaten ebenfalls schon viel auf den Weg bringen. Ich bin beeindruckt von den Standorten unseres Partners Liebherr. Es wird investiert, um das gemeinsame Projekt zu forcieren – egal, ob in der Fertigung, bei der Erweiterung von Montagelinien oder der Entwicklung. Wir sind hier auf einem sehr guten Weg.


„Die Produktentwicklung geht verstärkt in Richtung Automatisierung.“

Trends: Auf welche Bereiche der Entwicklung werden Sie in Zukunft Ihren Fokus ausrichten?

Ulrich Nickol: Auch eine gute Frage. Das Wachstum in Größe stößt an seine Grenzen – das ist klar. 12 Meter lang, 3 Meter breit und 4 Meter hoch, das sind die Rahmenbedingungen, an die wir gebunden sind: Und 11 Meter mähen und 15 Meter schwaden – viel mehr ist da nicht mehr drin.

Unsere Produktentwicklung geht verstärkt in Richtung Automatisierung. Zentrale Themen sind die Erleichterung der Bedienung, Fehlervermeidung vom Fahrer, Verbesserung der Futterqualität und optimale Nutzung der installierten Leistung. Wir können sauber mähen, zetten und schwaden. Jetzt geht es darum, die letzten Prozent Rohasche im Futter zu vermeiden. Vielleicht können in Zukunft Maschinen Futterqualitäten detektieren und selbstständig darauf reagieren. Vieles ist mittlerweile denkbar, da die Sensorik bezahlbar wird. Das ist aber ehrlich gesagt zurzeit noch reine Theorie.

Im praktischen Einsatz sind wir dabei, Teilaspekte der Maschine zu automatisieren. Ein Beispiel ist der Ladewagen, der den Schlepper steuert. Hier sind noch mehr Ansätze möglich. Der Fahrer ist hier oft überrascht, wie weit man gehen kann, ohne Schäden zu produzieren. Ziel des Ganzen ist für mich, besonders bei Maschinen mit wenigen Erntetagen, z. B. für den Lohnunternehmer mehr verkaufbare Leistung bei weniger Schäden in den vorhandenen Erntetagen zu erreichen.

Trends: Hier geht es dann praktisch um die Kombination von Hardware und Software. Da gibt es ja auch schon einiges im Portfolio wie den Autoswather mit Hangausgleich – kommt da noch Vergleichbares in Zukunft?

Ulrich Nickol: Diese Themen werden immer interessanter. Wenn die Elektronikarchitektur über das gesamte Angebot passt, wird es immer einfacher, bezahlbare Sensorik zu integrieren. Da werden vielleicht auch Themen und Funktionen möglich sein, die seit vielen Jahren auf einer Liste stehen, für die aber bis dato keine einfach technische Lösung vorhanden war. Wir werden zum Beispiel bei bestimmten Maschinen Überlappungsregler anbieten. Enge Kurvenfahrten werden durch einen Winkelgeber erkannt und die Arbeitsbreite automatisch so reguliert, dass nichts liegen bleibt. Das ist jetzt nichts Weltbewegendes, zeigt aber, wohin der Trend geht.

Nochmal zusammenfassend: Wir wollen mittels Sensorik und Software die Bedienung erleichtern, die Futterqualität verbessern und die installierte Leistung auch durch automatisierte Vorgänge bestmöglich nutzen.

Zugleich darf aber die Hardware nicht vernachlässigt werden. Die Erwartung an die Standzeiten sind wesentlich höher geworden. Die Anteile der Schwader über neun Meter wachsen beständig. Wir haben viele Maschinen im Feld die 2.000 ha und mehr im Jahr bearbeiten. Aber da ist unsere Stärke. Diese Kunden können wir bedienen.

Auf der anderen Seite heißt das aber nicht, dass wir das kleinere Segment vernachlässigen. Wir haben uns jetzt z. B. dafür entschieden, unseren MAX Cut Mähbalken in alle vorhandenen Mähwerke im Dreipunktanbau einzubauen.

Trends: Bei der Futterernte steht CLAAS ja auch für robuste, zuverlässige Lohnunternehmertechnik. Wie baut man solche Maschinen?

Ulrich Nickol: Das fängt an mit der Einstellung der Leute. Ich erinnere bei jeder Präsentation daran, wie viel Liter Milch man für einen 30.000 Euro teuren Schwader melken muss. Ich will, dass unsere Leute wissen, wie es unserem Kunden geht. Der Bezug zur Landwirtschaft muss vorhanden sein. Das war früher selbstverständlich, heute ist nicht mehr jeder Mitarbeiter Nebenerwerbslandwirt.

In der Produktion selber haben wir natürlich viele ausgefeilte und automatisierte Prozesse. Aber am Ende gibt der Mensch den Kick für das perfekte Produkt.

Trends: Das perfekte Produkt – wie schafft man es eigentlich, dass ein Produkt nicht nur in Oberschwaben passt, sondern auf der ganzen Welt funktioniert?

Ulrich Nickol: Die Zeiten, in denen unsere Technik in Oberschwaben für die ganze Welt getestet und validiert wurde sind natürlich vorbei. Wir schauen uns unsere Kernmärkte an, und dann wird dort auch getestet – egal, ob Neuseeland, England oder die USA. Aber die Kernkomponenten von jedem Gerät bleiben ja gleich. Hinzu kommen dann länderspezifische Adaptionen. Aber es ist natürlich schon eine Herausforderung. Beispiel Mais: Der kann 1,50, oder 4 Meter hoch sein und dann entweder bei Frost oder 40 Grad in Kalifornien geerntet werden. Unser ORBIS muss das alles können.

Trends: Welchen Vorteil hat der Hersteller CLAAS in der Futterernte gegenüber dem Wettbewerb?

Ulrich Nickol: (überlegt) Wir haben den Ehrgeiz, den Häcksler, die Presse und den Ladewagen bestmöglich auszulasten. Wir schauen nicht auf die Einzelmaschine, sondern auf die Verfahrenskette. So können wir die Arbeitsgänge optimal aufeinander abstimmen. Ich finde, das zeichnet uns ganz besonders aus. Und mit Leistung erobern wir auch andere Märkte wie die USA. Hier hat z. B. unser 11 Meter Mäher eingeschlagen wie eine Bombe.

Trends: Wie sehen Sie die Stimmung im nächsten Jahr in der Landtechnik oder auch in der Landwirtschaft?

Ulrich Nickol: Trotz Corona und aller schwierigen Bedingungen sehe ich dem nächsten Jahr positiv entgegen. Unsere Auftragsbücher sind gefüllt. Unsere Lieferanten haben alle durchgehalten und wir hatten keinen Tag Stillstand. Milchprodukte aus Europa werden auch in Zukunft begehrte Exportartikel bleiben und da die Weltbevölkerung weiterwächst, können wir hier unseren Beitrag leisten.


Kontakt: johann.gerdes@claas.com